IMA 2010
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Man muss nicht Eva Dollinger oder Marino Vanhoenackerheißen, um den Ironman Austria zu lieben. Nicht mal finishen muss man, so wie die 2063 beneidenswerten Athleten, die es am 4. Juli geschafft haben innerhalbvon 17 Stunden  die insgesamt 226km triathletisch zu bewältigen. Es genügt einfach vor Ort zu sein, und die Euphorie eines besonderen Sonntags wird einem unvergesslich werden.

Ein Stimmungsbild des Ironman Austria 2010 von Gerald Dygryn (Finisher, August 2010)

 

 

Die unruhige Nacht wird vom unmusikalischen Radiowecker beendet. Kopfschüttelnd, weil psychisch nicht darauf vorbereitet an einem Sonntag um 3 Uhr 30 aufzustehen, wirft man ein müdes Bein nach dem anderen aus dem Bett. Nur schnell den Wecker abdrehen. Schon richtig, dass man Musik für Freaks um diese Zeit spielt, aber bitte doch nicht heute, wo sie auch normale Menschen hören können. Licht an. Die Sonne hatte sich also auch in diesem Jahr nicht überreden lassen, für die Ironmänner und Ironladies etwas früher den Tag beginnen zu lassen.  Der Blick in den Spiegel macht deutlich, dass ausreichend Schlaf doch wichtig für die Schönheit wäre. Diese Erfahrung hat man als langjähriger Ironmanexperte zwar schon vor Jahren gemacht, aber deshalb wird man auch nicht schöner. Vielleicht nur weiser diesmal nicht in das unsympathische runde Ding im Badzimmer zu blicken.  

Rein in die Sportklamotten. Rucksack, Sonnencreme, Regenjacke – irgendwann regnet es immer, selbst in Klagenfurt - Getränke nicht vergessen. Was um Himmels willen bringt einen auf die Idee jetzt schon auf den Beinen zu sein? Der Gang zum Frühstücksraum.  Stimmengewirr. Gleißendes Licht. Ist man etwa nicht allein? Ganz und gar nicht. Alle Leidensgenossen sind versammelt. Sportler, Fans, Freunde, Helfer und eine fröhliche Wirtin und zum ersten Mal kommt so etwas wie ein Wir - Gefühl auf. Ein gutes Gefühl. Das Gefühl zu einer besonderen Spezies zu gehören. Zumindest zu denen, welche die Zielstrebigkeit besitzen, den Wecker mit seiner Musik nicht an die Wand zu schleudern um weiterzuschlafen. Machte das Aufstehen also vielleicht doch Sinn? Es ist das letzte Mal an diesem Tag, dass man sich diese Frage stellt, denn vom folgenden Morgengrauen am Ostufer des Wörthersees, werden Momente der Emotionen, der Liebe, der Leidenschaft und natürlich der sportlichen Höchstleistungen begleitet, die uns wissen lassen, warum wir hier sind:

It´s raceday

Die noch kühle Luft eines Sommermorgens auf der Haut, der Geruch von Neopren, Vaselin und Sonnencreme in der Nase, das Geräusch des sich füllenden Heißluftballons im Ohr und die ästhetischen Körper durchtrainierter Triathleten und Triathletinnen mit dem See und den Karawanken als Kulisse vor den Augen. Wahrlich ein Fest der Sinne. Für Jedermann. Nicht nur für Triathlonfans. Die Zeit schreitet voran. Das Tageslicht wird wärmer. Die Stimmen der Sprecher, das Gebet des Pastors, schließlich die steigernde Musik. Die Profis schwimmen sich ein, begeben sich zum Start und leider wie jedes Jahr weit darüber hinaus Richtung erster Boje. Der Hubschrauber rattert über die nervösen Protagonisten bis sich endlich mit dem Startschuss, eine Energie entlädt, von der man denkt, sie könnte den Wörthersee verdampfen lassen.

2500 Athleten und Athletinnen sind on the way. Sie suchten eine Herausforderung. Sie wollten eine neue Erfahrung machen oder das Gefühl des Heldentums noch einmal erleben. Sie nahmen viele Opfer auf sich, um nun hier zu sein und ihrem Ziel und ihrem Antrieb zu folgen.

Doch woraus entwickelt sich der Antrieb? Sich aus der Masse herauszuheben und seinen von der Immobilität geschundenen Körper wieder richtig zu spüren ist die eine Seite. Aber in Klagenfurt ist es mehr. Die Wandlung der Stille des Kanals zum Wellenbecken mit zehntausenden Zusehern. Die Unterstützung entlang der Strecke, vor allem an den Anstiegen beim Radfahren und auf der Laufstrecke um die Ironmancity. Die Skurilität der Streckenführung durch das Krumpendorfer Bad, welche Pommes und Bier an diesem Tag zweitrangig werden lässt. Und die Klagenfurter City mit ihrem Wahrzeichen als Kontrapunkt dazu.  Das alles und noch viel mehr macht den Kärnter Ironman Austria zu etwas Besonderem.

Im Rennen nichts Neues

Vorne ging es indessen um was anderes. Der bekannte Langsteckenschwimmer Christoph Wandratsch wollte einen neuen Ironmanschwimmrekord aufstellen. Mutterseelenallein durchschwamm er als Erster den  Kanal bis zum Etappenziel, aber es sollte nicht reichen. Dahinter dann die Cracks. Allen voran der Vierfachsieger Marino Vanoenacker (BEL) mit Stephen Bayliss (GBR), Markus Fachbach , Martin Wagner (beide GER), Andrej Orlicky (SVK) und Dennis Devriendt (BEL) im Schlepptau. Die Spitzengruppe hatte nach etwa 47min40sec  die 3,8 km schwimmend bewältigt. Weiter hinten dann die österreichischen Mitfavoriten auf eine Top Zehn Platzierung mit vier bis sechs Minuten Rückstand konnte man Daniel Niederreiter (leider als Agegrouper startend) und Alexander Frühwirth, sowie die sich vom Profizirkus verabschiedenden Norbert Domnik, Norbert Langbrandtner und Peter Schoissengeier erkennen. Überraschend stark Neo Profi Max Renko (53:32min), der mit über zwei Minuten Vorsprung auf den anderen Exmountainbiker Michael Weiss das Wasser verließ. Mitten unter den männlichen Profis auch eine Frau . Eva Dollinger stieg nach 52:06 min und als damit als Erste aufs Rad und hatte damit 1min30 Vorsprung auf die Favoritin Bella Bayliss (GBR).

4h18min29sec

später waren für einen der Kontrahenten die 180 km auch schon wieder vorbei. Unglaubliche 41,8 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit konnte Marino Vanhoenacker in den Asphalt zaubern und natürlich niemand ihm folgen. Michael Weiss fuhr mit 4h19min12 zwar auch sehr schnell durch die Gegend rund um den Wörther- und Faakersee, aber aufgrund seines Schwimmdefizits, hatte er damit nach dem Radfahren als Zweiter beinahe schon neun Minuten Rückstand.  Die drittbeste Radzeit erzielte Max Renko. Er war damit aber schon 15 Minuten langsamer als der nun zu seinem fünften Sieg laufenden Belgier. Wer aber dachte, dass Vanhoenacker das Rennen nun kontrollierend und gemütlich ausklingen lassen würde, hatte sich getäuscht. Optisch immer schneller werdend ließ er mit 2 h 42 min 03 sec auch noch den schnellsten Marathon folgen und erzielte damit eine Endzeit von 7 h 52 min 05 sec. Persönliche Bestzeit, Streckenrekord und Weltjahresbestzeit knapp am Weltrekord vorbei. Attribute einer Leistung die umso höher einzustufen ist, als dass der Belgier praktisch nie Konkurrenz hatte, sich nur im inneren Monolog, jedoch nie im Kampf Mann gegen Mann pushen konnte. Eine Weltklasseleistung die nicht so schnell zu wiederholen sein wird, noch dazu, weil die äußeren Bedingungen vor allem für die Profis ideal waren. Michi Weiss – der den medialen Diskussionen trotzen konnte – lief ein beherztes Rennen und wurde nach 8 h 14 min 50 sec Dritter. Überholt von Devriendt, der einen belgischen Doppelsieg komplett machte.

Start – Ziel - Heimsieg

Eva Dollinger blieb vorne. Die ganze Zeit. Nachdem Bayliss auf dem Rad nie eine Chance hatte, näher zu kommen, gab sie entkräftet auf. Teamkollegin Rebecca Preston (AUS) hatte dies bereits nach dem Schwimmen getan. Auch sonst schien die zweifache Olympionikin konkurrenzlos an diesem Tag und so machte sie sich mit ihrem ersten Ironmansieg einmal mehr zu einer der erfolgreichsten Sportlerinnen Österreichs. Mit Freudentränen in den Augen fiel sie ihrem Mann und Trainer Helmut im Ziel in die Arme. Nach dem schweren Rennen in St. Pölten, war es in Klagenfurt zwar um nichts einfacher, aber umso erfolgreicher, nach 9h19min50sec das Ziel zu erreichen. Zweite wurde die Dänin Karina Ottoson vor der Steirerin Barbara Tesar, die dadurch ihren ersten Podestplatz bei den Profis einholte.

 Auf den Blick am Spiegel verzichtet man besser auch beim Schlafen gehen. 21 Stunden auf den Beinen machen beinahe 21 Jahre älter. Aber was solls? Man war dabei. Man hat bis zum Schluss mitgefeiert und mitgetanzt, als der letzte Finisher kurz vor Mitternacht das Ziel errreichte. Was solls? Ironman ist nur einmal im Jahr! Und sicher auch 2011!