Gestoppte Welt, gedopte Welt?

DopingBetrogen wurden die Erfolge. Geheuchelt waren die Beichten. Himmelhoch hörte man sie jauchzen. Zu Tode sah man sie betrübt. Von gefeierten Helden wurden sie zu gestrauchelten Existenzen. Gelenkt und unterstützt von unsichtbaren ehrenvollen Paten. Doping – the (n)ever ending story?

Eine Analyse von Gerald Dygryn (Finisher, Jänner 2009)

 

Kaum ein anderer Lebensbereich schenkt den Menschen in einer rationalisierten und monetär ausgerichteten Welt wie der unseren, derart viele Emotionen wie der Sport. Denken wir an die Unfälle eines Thomas Muster oder Hermann Maier. Erinnern wir uns an die erfolglosen Jahre eines Stefan Eberharter oder zuletzt eines Wolfgang Loitzl. Die Nation litt. Die Republik weinte. Wir dachten es sei vorbei. Doch die wahren Helden belehrten uns eines besseren. Sie wurden zur Nummer eins der Tenniswelt, gewannen in Kitzbühel oder den Weltcupgesamtsieg und manche auch die Vierschanzentournee. Wir alle fieberten mit, schrieen uns die Seele aus dem Leib und klatschten unsere Hände wund. Wir bewunderten den unermüdlichen, manchmal jahrelangen Kampf, den wir zwar alle gerne in welcher Lebenswelt auch immer kämpfen würden, aber doch selten imstande sind auszufechten.

Der Weg an die Spitze ist lang, steinig und hart. Es ist ein Weg, der dem durchschnittlichen medialen Sportkonsumenten vorenthalten bleibt. Dieser sieht nur den Erfolg - den Sieger. Schon der Zweite wird oft vergessen, obwohl es ohne ihn den Ersten nicht gäbe. Doch wonach richtet sich der Jubel der Massen? Nach den meisten Entbehrungen, welche die Athleten auf sich zu nehmen hatten? Nach dem härtesten Training, dem größten Talent? Jubeln wir, weil unsere Idole, über Jahre soziales Leben und Freundschaften hinter sich ließen, nur um in einem kleinen Bereich des Lebens der Beste auf dem Planeten zu sein? Oder holen wir uns Autogramme, weil wir bewundern, dass viele nach ihrer Karriere wohl für den Rest ihres Seins mit Schmerzen in den Knochen und Gelenken aufwachen werden? Wohl kaum. Natürlich muss all dies für den großen Erfolg in Kauf genommen werden, aber für den Fan vor dem Bildschirm zählt in Wahrheit nur eines.

Was zählt ist der Sieg

Wird dieser Satz das allumfassende Lebensmotto, so kann damit – unschuldig zu Beginn – ein Weg beschritten werden, der alles verzeiht, der alles akzeptiert, um diesem Ziel möglichst nahe zu kommen. Hochleistungssportler – nicht nur diese sind nebenbei bemerkt von diesem Antrieb besessen, doch das auszuführen würde nun wirklich zu weit führen - sind erfolgs- und zielorientierte Menschen. Sie wollen, ja müssen ihr Ziel erreichen. Das Ziel treibt sie an. Lässt sie bluten und schwitzen. Es beflügelt sie. Bis zu einem Moment, in dem sie zu erkennen glauben, dass es trotz aller Mühen nicht mehr weitergeht. Stillstand ist sichtbar, Rückschritt die Folge. Jetzt wo das einzige Ziel, durch dessen Erreichen das ganze Leben Sinn erfüllt würde, zum Greifen nahe scheint, läuft es unermüdlich von einem weg und scheint immer schneller zu werden. Zweifel – Selbstzweifel – Verzweiflung stehen oft vor dem Augenblick, an dem rote Stiere nicht mehr ausreichen um Flügel zu verleihen, sondern Blutbeutel herhalten müssen. Es ist der Moment, in dem sich alles ändert.

Erfolgreicher Leistungssport ist ohne Doping nicht möglich

Ein kurzer Satz mit großer Wirkung. Ein Satz, der vieles kaputt macht und alles gefährdet. Oft verwendet von jenen, die von Anfang an mit dieser Überzeugung in den Sport gingen, um damit ihren Betrug recht zu fertigen. Es sind die wenigen, die wirklich bewusst Gesundheit und Namen riskieren, weil das Ziel die Mittel heiligt. Aber auch von anderen Seiten hört man diese sechs Worte sehr oft. Sie diskreditieren jedoch die ehrlich erfolgreichen und verankern in den erfolglosen die einzige Chance auf den Sieg: mit den anderen auf einer Stufe stehen. „Ja, wenn es doch alle anderen auch tun, dann muss ich doch auch …“

Der Weg ist das Ziel

Wie anders wäre alles, könnte man diese Formulierung in die Köpfe all jener scheugeklappten Existenzen bringen, die stur dem Sieg hinterherlaufen. Unterwirft man alles nur dem Sieg oder dem finanziellen Vorteil, so kann am Ende nur ein Missverhältnis in jedem Einzelnen zwischen Geben und Nehmen und damit eine große Leere entstehen. Vor allem in Sportarten, in denen der Profistatus nicht durch das Einkommen der Athleten, sondern vorwiegend durch deren Einsatz von Zeit definiert wird, müssen andere Gründe des eigenen Tuns maßgeblich werden. Wie lange wird doch in das Training investiert und wie kurz ist dagegen der Moment des Erfolgs und der Ehrungen? Wie schnell wird man nach kurzem Schulterklopfen und Hochhalten, wieder vergessen und losgelassen? Doch was bleibt am Ende? Es bleibt das, was von jeher da war: unsere Gesundheit, unsere Seele, unsere Zufriedenheit - unser Leben. Grund genug Werte hochzuhalten? Grund genug nach den Regeln zu handeln? Der Kurier – Journalist Dr. Erich Vogl meint, dass Doping nie ganz zu bekämpfen sein wird, so wie es immer Verbrechen geben wird. Aber sich dem Idealziel anzunähern würde Sinn machen. Kluge Worte und dennoch kann man die Stimmen schon förmlich hören, die diesen Sätzen verhöhnende Worte entgegenbringen. Aber wenn es sich nicht lohnt für die Vorbilder unserer Kinder, für Gesundheit, für Ehrlichkeit und Gerechtigkeit zu kämpfen, wofür lohnt sich dann ein Kampf?

Die aktuelle Situation

Jahrelang war Triathlon frei von Dopingfällen. Für eine Ausdauersportart, in der viele unerlaubte Substanzen maßgelblich zur Leistungssteigerung führen können, überraschend lange. Ob es daran lag, dass bis vor wenigen Jahren Triathlon von der nationalen Antidopingbehörde, zu den am wenigst gefährdenden Sportarten gezählt wurde – gleich wie Billard (!) – und dadurch die Anzahl an Dopingproben überschaubar blieb, oder daran, dass es wenig bis gar kein Geld zu verdienen gab und deshalb Doping sinnlos beziehungsweise nicht leistbar war, soll im Auge des Betrachters bleiben. Wesentlich ist, dass sich dieses Bild national und international sehr schnell verändert hat. Triathlon hat, wie der gesamte Sport ein massives Dopingproblem. Und das ist Milde ausgedrückt.

Sumpf des Schreckens

Doping ist mehr als nur ein Regelverstoß, eines Sportlers der schummeln möchte. Schaut man ein wenig hinter die Kulissen, so entsteht ein Sittenbild, dass wenig mit den Idealen des Sports oder gar der Olympischen Idee zu tun hat. Politiker, Funktionäre, Manager, Ärzte, Journalisten, Trainer und natürlich Sportler sind Teil eines teuflischen Zirkels, in dem niemand mehr weiß, was Recht oder Unrecht ist. Schlimmer noch, ein Zirkel, in dem die, die ehrlich und regelkonform agieren als naiv und dumm hingestellt werden. Von einer Gesellschaft die betrügt, um betrogen zu werden. Von Menschen, die Mauern bauen, weil sie selbst gegen Mauern liefen, bis sie zerbrachen.

Wohin geht der Weg?

In welche Richtung wird und soll es weitergehen? Von härteren Strafen bis zur Dopingfreigabe reicht das Sammelsurium der Vorschläge. Meist einseitig betrachtet und wenig objektiv formuliert. Egal mit welchen Gründen man eine Freigabe argumentativ untermauert, sie ist keinesfalls zu unterstützen. Sie würde auf lange Sicht das Ende des Sports darstellen. Wer würde seine Kinder in den Sport schicken, und wenn dennoch, welche fatale Einstellung hätten die Eltern zur Erziehung ihrer Kinder? Ein Wettkampf würde einer Werbeveranstaltung von Pharmafirmen gleichen und mit einer solchen ließen sich wohl kaum Stadien oder Sendeminuten mit einer vernünftigen Quote füllen. Das Argument, dass jeder Mensch selbst entscheiden sollte, was für ihn gut sei, klingt aufs erste sehr liberal und humanistisch, hat sich aber bis heute offensichtlich nicht bis zur letzten Konsequenz durchgesetzt, könnte es doch auf jegliches Gesetz angewendet und dieses damit in Frage gestellt werden. Einigen wir uns darauf, dass Fairness und Werte hochzuhalten und damit leistungssteigernde Substanzen zu verbieten sind, stellt sich die Frage nach anderen Alternativen, um fairen Sport zu garantieren.

Serie: gestoppte Welt – gedopte Welt?

Finisher will in einer zweiteiligen Serie die Thematik so umfassend als möglich behandeln. Wir haben Betroffene und maßgebliche Personen vom Sportler über den Funktionär, vom Veranstalter über den Arzt bis zum Journalisten zum Thema befragt. Die Serie soll informieren und aufklären und sie soll zeigen, dass sich Finisher und seine gesamte Redaktion vehement und eindeutig gegen Doping ausspricht. Wir unterstützen jede Initiative und Maßnahme, die dem Kampf gegen unerlaubte Mittel und gegen die Machenschaften und Macher im Hintergrund förderlich ist. Im ersten Teil werden Franz Höfer, ÖTRV Generalsekretär Herwig Grabner und Dr. Erich Vogl zu Wort kommen. Wir wollen, dass die besten und ehrlichsten Sportler mit den besten Trainern gewinnen, und wir wollen die Chemiker, Dr. Frankensteins und Betrüger aus unserem Sport treiben. Diese Serie soll einen Beitrag dazu leisten.